Gottesdienst am 31. 08. 2008: 1. Mose 2,4b-9 und 15

Liebe Gemeinde,

die Ferien sind zu Ende. Der Urlaub ist vorbei. Morgen beginnt für die Schülerinnen und Schüler wieder der Schulalltag und für viele Eltern gleichermaßen der berufliche Trott. Man möchte es sich noch nicht eingestehen, gerade, wenn man gestern und heute noch die sommerliche Sonne auf der Haut und im Gesicht spürt und ihre Wärme genießt, aber es riecht manchmal schon etwas nach Herbst.

Und wer morgens früh aufsteht, der merkt, dass es schon später hell wird. Die Zeichen stehen nicht nur auf Arbeit, sondern wir wissen, dass das Winterhalbjahr vor uns liegt.

Aber unsere Gedanken und Gefühle kleben noch an diesem Sommer. Sie kleben daran, weil wir mit dem Sommer unseren Urlaub, also freie Zeit verbinden. Diese Zeit liegt nun frisch hinter uns. Es ist die Zeit des Jahres, die wir immer wieder mit unseren Hoffnungen und Sehnsüchten füllen.

Wir haben die Hoffnung, dass das Alltägliche einmal durchbrochen wird. Wir haben Sehnsucht nach der Langsamkeit des Lebens, nach Gesprächen, nach einer Zeit für die Familie, ausgiebiger Zeit für die Kinder und den Ehepartner. Endlich einmal wieder ausspannen zu können, den Tagesablauf selbst zu bestimmen und nicht vom morgendlichen Wecker und den vereinbarten Terminen bestimmen zu lassen, macht uns immer wieder glücklich und die Vorfreude auf diese Tage unermesslich.

So wie Weihnachten in großer Geschäftigkeit Ruhe und Besinnung bringt, so wie am Geburtstag die eigenen Person in den Mittelpunkt gestellt wird, so wird der Jahresurlaub als Auszeit aus dem Alltag, als individuelle oder kollektive Sinnsuche, als kulturelles Bildungserlebnis oder als ästhetische Erfahrung der Welt im Akt des Reisens inszeniert. Und schon im Winter locken einen die Urlaubsprospekte für den Sommer und überschlagen sich im Anpreisen der Vorzüge fremder Länder, in dem sie einen Superlativ nach dem anderen nennen.

Und das, was uns am meisten reizt in dieser freien Zeit des Jahres, ist doch dies: Wir wollen unser Urlaubsparadies finden. Das Paradies, das wir im Sommer suchen, soll nicht nur wunderschön sein, sondern es soll dafür sorgen, dass all die schweren Gedanken, die sonst unseren Kopf belasten und uns manchmal das Herz schwer machen, einmal wie Vögel das Weite suchen und davon ziehen:Einmal zu vergessen, wie es um unsere berufliche Zukunft aussieht, einmal zu verdrängen, wie es um unsere Gesundheit steht, und einmal nicht sich zu zermartern, wie die familiären Zerwürfnisse wieder ins Reine gebracht werden können.

Ja, eine gewisse Sorglosigkeit für eine gewisse Zeit, das ist ein Bestandteil unseres Traumes, der sich mit der Vorstellung vom Paradies verbindet. Und der Traum vom Paradies umfasst auch, dass für uns gesorgt wird, dass wir keine Zukunftsängste und Nöte haben müssen. Paradies heißt doch immer: Es gibt jemanden, der mir mein Leben ermöglicht, der mir Raum gibt, und der dafür sorgt, dass ich einen Platz im Leben habe, der mich ausfüllt und den ich ausfüllen kann.

Für manche kann dieses Paradies im Sommer nur in der Südsee liegen. Dort, wo die großen Palmen den lupenreinen weißen Strand säumen. Andere finden es in der Kultur Italiens und manche im sprichwörtlich göttlichen Essen in Frankreich.

Und wieder andere finden ihr Paradies ganz in der Nähe, vielleicht in einem kleinen Garten, den sie schon viele Jahre pflegen und hegen, der bunte Blumen und dichte Blätter hat, der unterschiedliche Bäume umfaßt und einige Ecken kennt, wo Tomaten und Auberginen, Kürbisse und Erbsen gedeihen. Und stellen wir uns vor, einer würde uns so einen Garten schenken, wäre das nicht etwas ganz Besonderes?

Sicherlich: Einige werden jetzt sofort denken: „So ein Garten, der macht aber ganz schön Arbeit, der muss regelmäßig gegossen und gepflegt werden, und das kann auch manchmal ganz schön Zeit in Anspruch nehmen und andere Aktivitäten verhindern. Aber sagen Sie selbst: Ist dies nicht eine Arbeit, die zufrieden macht, eine Beschäftigung die den Keim zum Glück enthält? Ich schenke Dir einen Garten! In diesem Geschenk schwingt das Leben mit und die Zukunft des Lebens, Säen und Ernten, Schönheit und Glück.

Liebe Gemeinde, der heutige Predigttext, handelt davon, dass Gott uns solch ein Geschenk gemacht hat. Hören wir auf die Worte aus dem Ersten Buch Mose, die im 2. Kapitel zu lesen sind:

Es war zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte.

Und all die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land. Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase.

Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzt ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“

Liebe Gemeinde,

da haben wir das Paradies. Es ist das Paradies, das Gott für uns vorgesehen hat. Die Schöpfung wird uns erzählt. Die Schöpfung – und mit der Erzählung von der Erschaffung der Welt werden uns die wesentlichen Lebensfragen gestellt und beantwortet.

Uns wird unser Lebenssinn erklärt und verdeutlicht. Die Frage, die beantwortet wird, heißt: Woraus erschließt sich eigentlich unser Lebenssinn? Die Bibel sagt: Dein Lebenssinn erschließt sich nur, wenn Du Dir klar machst, wem sich alles Leben verdankt, also auch, wem du dein Leben verdankst. Und dein Leben verdankt sich der Tatsache, dass Gott dich in seinem Schöpfungshandeln ins Leben gerufen hat.

Noch bevor irgendein Strauch und irgendein Kraut die Erde überzog, hat Gott dich gedacht, und nachdem er den Nebel und den Regen über die Erde hat ziehen lassen, schuf er uns selbst aus dieser die Welt überziehenden Erde.

Im hebräischen Text wird das sehr nachvollziehbar ausgedrückt. Adam, der erste Mensch, wird aus der Adama, der Erde gemacht. Adam heißt also nichts anderes als: „Der, der aus der Erde gemacht wurde!“ Aber der Mensch ist nicht nur ein Klumpen Erde. Der Mensch hat etwas Geheimnisvolles in sich. Das Geheimnisvolle ist, dass Gott ihn durch seinen Lebensatem, durch seinen Odem zum Leben erweckt hat. Durch die Nase bläst er dem Menschen durch seinen lebensschaffenden Hauch die Lebendigkeit ein, so dass er ein lebendiges Wesen wird.

Die Schöpfung des Menschen, so, wie sie in diesem Schöpfungsbericht erzählt wird, ist persönlich und intim. Gott kommt mir ganz nah.

Leben bekommt der Mensch hier nur durch seinen Anteil am göttlichen Odem. Ohne diese Gabe ist der Mensch auf tote Stofflichkeit zurückgeworfen. Der Mensch wird aber durch den Atem Gottes nicht nur lebendig und beseelt, sondern er wird durch das Tun Gottes von Anfang an ein Wesen vor Gott. Darin liegt die Pointe der Schöpfung des Menschen: Der Mensch hat sein Leben von Gott.

Und er ist nie ohne Gott, sondern stets ein Mensch vor Gott. Der Mensch steht im Mittelpunkt der Schöpfungsgeschichte, aber doch nicht selbstherrlich, sondern so, dass er stets von Gott umgeben ist, der ihn umsorgt und umhegt und ihm das Leben schenkt, ohne ihn sich selbst zu überlassen. Der Garten Eden, den Gott selbst angelegt hat und in den er jetzt den Menschen setzt, ist das Symbol für den vollkommenen Lebensraum, den Gott für den Menschen schafft, noch ehe er Mensch etwas bebauen kann.

Diese umfassende Sorge für den Menschen hat Martin Luther in seiner Erklärung des ersten Artikels des Glaubensbekenntnisses entfaltet:

„Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Was ist das? Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mit Leib und Seele, Augen, Ohren und mir (?) alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält: dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Vieh und alle Güter; mit allem, was Not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit.“

Luther macht deutlich, dass alles, was not tut für Leib und Seele, soziale Gemeinschaft und Bewahrung vor allem Übel im Schöpfungshandeln Gottes eingeschlossen ist.

Konkreter und umfassender zugleich kann Schöpfung nicht gedacht sein. Indem Gott den Menschen in den Garten Eden setzt, erhält er eine Bestimmung. Er wird von Gott an einen bestimmten Ort zu einem bestimmten Zweck gesetzt. Die Bebauung und Bewahrung des Gartens im göttlichen Auftrag befähigen den Menschen zur kulturellen Arbeit. Denn nur durch das Zusammenwirken von Natur und menschlicher Arbeit lässt sich diese Aufgabe erfüllen.

Ein Kulturpessimismus ist dem biblischen Text fremd. Die Erhaltung der Welt ist der Zweck der Schöpfung des Menschen. Das Paradies enthält immer die Aufforderung zu dieser Arbeit. Gottes Paradies ist nicht irgendein Schlaraffenland, wo die Würste in die Münder der Faulen ragen, sondern das Paradies ermöglicht die fruchtbringende, erfolgreiche, von Gott gesegnete und aufgetragene Arbeit. Paradies heißt, sich den Gott gegebenen Aufgaben im eigenen Leben zu stellen.

Wir wissen, dass es nicht bei diesem Bild des ungetrübten Miteinanders von Gott und den Menschen geblieben ist. Wir wissen, dass die Geschichte von Adam und seiner Eva weiter geht, doch unser heutiger Text bricht vorher ab. Die Sündengeschichte ist nicht Teil dieser Predigt, und doch erkennen wir, dass im Garten Eden die Möglichkeit zur Sünde angelegt gewesen ist.

Der Garten Eden enthält schon die Zwiespältigkeit menschlichen Daseins. Diese besteht darin, dass der Mensch auf der einen Seite auf Gott hin geschaffen ist, um ganz aus dem Gottvertrauen leben zu können, dass er auf der anderen Seite aber das eigene Leben nicht ganz aus diesem Gottvertrauen heraus zu führen vermag. Immer gibt es einen Baum der Erkenntnis, etwas, das mit allen Sinnen begehrt wird, so dass ich mir den Blick auf mich selbst und Gott verstelle.

Das Paradies ist also gerade da, wo der Mensch eine Bestimmung hat und sich seines Lebens als Gabe Gottes bewusst wird, ohne dabei zu verschweigen, dass auch dort die Erfahrungen von Entfremdung und Schuld, von Sinn- und Vertrauensverlust bereits latent präsent sind.

Die Bibel ist nicht ein Buch der kleinen Geschichten, der Episoden, sondern sie bietet große Erzählungen. Genauer gesagt: Eine große Erzählung, die über die Schöpfung des Menschen und den Sündenfall weit hinaus reicht. Nicht der Tod des Menschen steht am Ende der biblischen Geschichte, sondern die Auferstehung und das Leben.

Das Leben als Schöpfung am Anfang und als Erlösung am Ende – das Leben ist der rote Faden der biblischen Großerzählung. Das Leben als von Gott geschenktes, das Leben als Fürsorge von Gott zugunsten von uns Menschen. Das ist auch dann noch so, wenn wir unser Leben verlieren und zur Erde zurückkehren.

Erst vom Ende der Erzählung her ist der Anfang zu verstehen. Von der Zusage der Neuschöpfung und dem Geschenk neuen, ewigen Lebens her ist der Anfang, die Schöpfung richtig zu verstehen. Die Fürsorge Gottes für den Menschen ist mit dessen Tod nicht zu Ende.

Der Mensch ist und bleibt ein Wesen vor Gott, auch über den Tod hinaus. Wir heute sind mit der Geschichte Adams verbunden. Unsere eigene Lebensgeschichte hat einen Anfang und hat ein Ende, die weit über biographische Stationen und Daten hinaus reichen.

Oft ist unser Blick verengt auf den Augenblick, vielleicht auch nur auf die Zeit der Ferien und des Urlaubs, die wir als richtige Lebenszeit apostrophieren, und nur in dieser Phase meinen wir das Paradies zu finden. Wir sehen manchmal nur die Dornen und Disteln und bleiben in der Sorge um unseren täglich zu bestellenden Ackerboden gefangen. Und wir sehnen uns nach dem Garten Eden zurück. In Wirklichkeit aber sind wir Menschen, die täglich von Gott umsorgt werden, weil jeder unserer Atemzüge von Gott kommt.

Und doch wird uns Gott an einen Ort führen, der uns am Ende unserer Zeit an den Anfang menschlichen Lebens führt. Das, was Jesus Christus zum Schächer am Kreuz auf Golgatha spricht, wird auch für uns zum Hoffnungssatz werden: „Noch heute wirst Du mit mir im Paradiese sein.“

Amen.

Prälat Dr. Bernhard Felmberg

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