Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis

2. Thessalonicher 3,1-5:

Weiter, liebe Brüder, betet für uns, daß das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde wie bei euch und daß wir erlöst werden von den falschen und bösen Menschen; denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding.
Aber der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen.
Wir haben aber das Vertrauen zu euch in dem Herrn, daß ihr tut und tun werdet, was wir gebieten.
Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi.

Liebe Gemeinde,
da sagt ein Mann zu seiner Frau: Du geh mal in die Kirche für mich beten! Traut er sich selber nicht dorthin, weil er das letzte Mal Weihnachten vor 5 Jahren da war? Oder meint er, seine Frau habe den besseren Draht nach oben? Für andere beten – das ist ja nichts Falsches oder Unbekanntes. Im Gegenteil: In jedem unserer Gottesdienste gibt es das fürbittende Gebet für Menschen in Not, in Krankheit oder Schuld. Von daher ist die Bitte des Apostels Paulus also ganz normal, wenn er die Thessalonicher auffordert, für ihn und seine Mitarbeiter zu beten, damit ihre Mission erfolgreich ist und sie das Wort Gottes ungeschmälert und mit Freude ausrichten können und dass es dadurch gelingt, Menschen für den Herrn Jesus Christus gewinnen können.
Aber hat das eine solche Geistes- und Glaubensgröße wie der Apostel Paulus überhaupt nötig? Er hat es doch erlebt, wie seine Predigt von den Leuten aufgenommen und im Herzen bewegt wurde, er war ein durch und durch erfolgreicher Arbeiter im Weinberg des Herrn, also in der Ausbreitung des Evangeliums. Ganz viele Gemeinden hat er gegründet, Mitarbeiter gewonnen, sie immer wieder zusammengeschweißt und an Jesus Christus orientiert. Sein ganzes Leben stand unter dem Motto „Im Auftrag des Herrn unterwegs“. Und da hat er es nötig, dass andere Menschen aus der Gemeinde für ihn beten?
„Haben Sie als Pfarrer eigentlich auch jemanden, zu dem Sie mit Sorgen und Nöten gehen können?“, werde ich hin und wieder von Menschen aus der Gemeinde gefragt. Eigentlich ist für die Seelsorge an Pfarrern der Superintendent zuständig, also die Leitung des Kirchenkreises, bzw. der Generalsuperintendent als Leiter des Sprengels Berlin. Das Problem dabei ist nur, dass diese zugleich auch Vorgesetzte des Pfarrers sind. Seelsorge durch einen Vorgesetzten? Eine nicht immer glückliche Verknüpfung. Paulus bittet seine Gemeinde, die Thessalonicher also, um Fürbitte. Daraus bezieht er offenbar ganz viel Kraft für seinen Auftrag.
Ich habe vor einiger Zeit selbst erfahren, was das ausmacht, wenn Menschen kontinuierlich für einen beten oder wenn man von ihnen auch einmal ganz spontan ein persönliches Segenswort erhält. So war es z.B. vor etlichen Monaten, als es mir nicht gut ging und als ich spürte, dass der Missionsbefehl auch eine große Last sein kann, ein Kreuz, das man im Auftrag Jesu auf sich nimmt. Es war bei einem Abendmahl, wo ja die Menschen ganz viel Zuspruch – geistlich und körperlich – von einem Pfarrer erwarten. Plötzlich war da ein alter Mann, den ich noch nie zuvor in unserer Kirche gesehen hatte. Und als ich ihm beim Abendmahl den Kelch reichte, berührte er fast zärtlich meine Hand und sagte leise: „Der Herr segne Sie für ihre schwere Aufgabe“. Diese kleine Geste, dieses einfache Segenswort hat in mir eine solche Wärme spüren lassen und hat mir eine solche Kraft gegeben, dass ich wieder frei und mit Freuden sagen konnte: „Ja Herr, hier bin ich und weiche nicht!“
Eine Begegnung am Rande, die aber doch direkt ins Zentrum führte: Ein Mensch sagt einem anderen, dass er von Gott gesegnet ist und willkommen. Können wir diesem Beispiel nicht viel häufiger folgen und uns genau das zusagen: Der Herr segne dich in deinem Tun, der Herr ist treu; er wird dich stärken und bewahren vor dem Bösen?
Das geht runter wie Butter, Ihr Lieben, das könnt Ihr mir glauben.
Doch Paulus wäre nicht der Apostel des Herrn, wenn er es bei einer solchen aufmunternden Zusage beließe. Er weist noch auf etwas ganz Wichtiges hin: Auf das Vertrauen! Vertrauen ist eine Vorleistung – und eine riskante noch dazu! Jemand, dem ich Vertrauen schenke, der könnte auch ganz anders reagieren, als ich es erwarte. Viele Konflikte in der Gesellschaft, aber auch in der Gemeinde, rühren daher, dass man in seinem Vertrauen irgendwann oder irgendwo enttäuscht worden ist. Da hat jemand etwas weitererzählt, das ihm im Vertrauen gesagt wurde, da hat jemand Vertrauliches ausgenutzt für seine Zwecke….die Liste ließe sich beliebig verlängern, wo es um enttäuschtes Vertrauen geht. Auch Paulus hat das erfahren, dass man sein Vertrauen missbraucht hat, dass Menschen, denen er das Evangelium seines Herrn anvertraut hat, alles nur zum Zweck ihrer eigenen Karriere ausgenutzt haben, weil es ihnen um Ansehen in der Öffentlichkeit und um Beifall ging. Auch in der Gemeinde der Thessalonicher hat es sie gegeben: falsche und böse Menschen, die der frohen Botschaft des Glaubens und ihrer Ausbreitung geschadet haben. Paulus bittet sogar darum, von diesen Menschen endlich erlöst zu werden. Andererseits sagt er aber auch: Ich habe Vertrauen zu euch, weil ich weiß, dass der Herr eure Herzen zurecht bringen wird zur Liebe Gottes und zur Geduld Christi. Das heißt: Paulus nimmt den Kampf um die Gemeinde auf, sein Vertrauen ist unerschütterlich, weil er weiß, dass Gott an seiner Seite und an der Seite der Thessalonicher steht: Der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen. Das Gute muss ja siegen, weil Gott selber gut ist. Keine Chance für Bosheiten und heimliche Feindschaft, keine Chance für üble Nachrede und Machtpoker. Und dass wir uns da recht verstehen: Paulus selber geht es in seinem Kampf nirgendwo um Macht und Ansehen für die eigene Person, sondern einzig und allein darum, dass die Menschen Jesus Christus als Herrn erkennen. Er ist der Sieger – unabhängig was mit Paulus selber geschieht oder mit anderen, die im Namen des Herrn unterwegs sind. „Ich habe Vertrauen in euch“, schreibt er den Thessalonichern. Dieses Vertrauen kann hier und da enttäuscht werden, aber es ist auch ein Grundvertrauen darauf, dass sich die göttliche Wahrheit durchsetzt, so oder so!
Gott ist kein heimlicher Strippenzieher, die Gemeinde der Thessalonicher besteht nicht aus Marionetten mit Holzköpfen und aufgemaltem Lächeln, sondern aus Menschen, für die unser Herr Jesus gestorben ist und mit denen er seine Auferstehung feiern will, heute und morgen und in alle Zeit, Amen.

Pfarrer Olaf Seeger

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