Die Pichelsberge

Von Friedrich Wilhelm August Schmidt (Schmidt von Werneuchen)

Lebendig schwebt vor meiner Phantasie
der Festtag noch, der uns vom Lager körnte1,
der uns, betaut von Morgennebel, früh
auf jene Höh’n voll Geistergrau’n entfernte.
Was fand ich, o! für dich, Melancholie,
dort für ein Übermaß der reichsten Ernte.

Dort war’s, wo Wodan einst in greiser Zeit
in der Allrune2 Ohr die Zukunft hauchte,
wo einst der Priester Deuts im Feierkleid
des Messers Kling‘ ins Blut des Widders tauchte,
wo sühnend einst, dem Heidengott geweiht,
das Opfertier auf hellem Holzstoß rauchte.

Dort war’s, wo sonst im sichern Diebesloch,
trotz Schwert und Strang und allen Frevelrächern,
der Tullian3 der Vorzeit sich verkroch
und Schnippchen schlug bei vollen Moslerbechern4.
Dort blutete der Pilgrim: sahst du noch
die Schädelrest‘ in jenen Iltislöchern?

Ha! welch Gewühl dort von Insektenbrut!
— Dem Forscher der Natur die schönste Schule —
Von Wels und Stint in waldumwachsner Flut!
Von Schlang‘ und Kröt‘ im grüngegornen Pfuhle!
Wie gräßlich lockt im Busch, voll süßer Wut,
die Hindin5 sich der breitgehörtne Buhle!

Ein Myriadenheer Waldvögel nährt
dort von Wacholderbeeren sich und Wiepen6;
dort wanken Vogler7 nur, auf deren Herd
verführerisch die blauen Meisen piepen,
und seltner arme Weiber noch, beschwert
mit abgestürmtem Raffholz8 in den Kiepen.

Wenn irgendwo ein scheuer Berggeist haust,
so muß er dort in finstrer Wüste lauern:
Was ist’s, das sonst das Wipfellaub durchsaust?
Vernehmlich ächzt aus jener Klüfte Schauern?
Was packt‘ uns sonst mit unsichtbarer Faust
in jenes Götzentempels öden Mauern?

Geht dort einmal ein müder Wandrer irr,
so muß er tagelang von Vogelkirschen
sich sättigen, umflattert von Geschwirr
des Federwilds, begafft von Reh’n und Hirschen,
noch glücklich, wenn aus dickem Dorngewirr
der Bache9 Hau’r ihm nicht entgegenknirschen.

Er rettet selbst aus dieser Wüste Greu’l
zum Pfad sich nie hinaus, und überschrie er
auch gleich der wilden Katze Nachtgeheul,
bis ihn der Jäger leitet, oder früher
vielleicht im Tal des Klafterschlägers10 Beil
sein Kompaß wird und fernes Roßgewieher.

Zwar von des Urnenbergs verrufner Kluft,
die wilder Apfelbaum und Schleh’n umdunkeln,
und deren Zugang Regen abgestuft,
hört man im Dorf viel Wundersames munkeln:
Dorthin gebannt durch Hexenzauber, ruft
ein Ries‘ heraus, sobald die Sterne funkeln.

Doch hätt‘ ich, trotz dem Grimm des Tückenbolds11,
der dort, wie im Asyl, keck und vermessen
den Waller neckt, so gern auf Wurzelholz
voll gelben Sand, bis in die Nacht gesessen;
ja, hätt‘ auf dich, Gefühl der Schwermut, stolz
ein Weilchen selbst mein Hüttendach vergessen.

Almanach romantisch-ländlicher Gemählde für 1798. Berlin
Abgedruckt in: Richard Nordhausen (Hg.): Unsere märkische Heimat. Streifzüge durch Berlin und Brandenburg. Leipzig, 2. Aufl. 1921. S. 139–141


Erläuterungen

1körnen: locken, herbeirufen.
2Allrunen: weise Frauen.
3Tullian: Lips Tullian, gest. 1715, war Anführer einer Räuberbande in Sachsen.
4Moslerbecher: Becher mit Moselwein.
5Hindin: Hirschkuh.
6Wiepe: Hagebutte.
7Vogler: Vogelfänger.
8abgestürmtes Raffholz: Nach einem Sturm aufgesammeltes Holz.
9Bache: Wildsau.
10Klafterschläger: Holzfäller.
11Tückenbold: Spötter.

Der Literaturkritiker und Shakespeare-Übersetzer August Wilhelm von Schlegel spottete über dieses Gedicht des Pastors und umstrittenen Dichters Schmidt von Werneuchen:

Wer, wenn er gelernt hätte, wie sich die Waldvögel mit ‚Wiepen‘ nähren, und wie die blauen Meisen ‚piepen‘, würde nicht gern den armen Weibern

Das abgestürmte Raffholz in den Kiepen

selbst aufladen helfen? In ebendiesem Gedichte finden wir ‚Frevlerrächer‘, ‚Moselbecher‘ und ‚Iltislöcher‘ in einer Strophe nicht nur zusammengebracht, sondern dergestalt in einander gewalkt, möchte man sagen, daß selbst ‚Mauerbrecher‘ sie nicht würden trennen können.
Wenn man an Herrn Ss. Poesie besonders die Armuth und Gleichgültigkeit der dargestellten Natur rügte, so könnte das nicht so viel bedeuten, daß der Landstrich, wo er lebt, von der Einseitigkeit seiner beschränkten Phantasie die Schuld zu tragen habe: sonst hätten allerdings einige patriotisch gesinnte Landsleute von ihm Recht gehabt, da sie glaubten, dieser märkischen Naturschilderungen als eines Produktes einheimischer Industrie sich annehmen zu müssen. Nein! Poesie und Unpoesie liegen niemals in den umgebenden Gegenständen, sondern im Gemüth des Menschen …

August Wilhelm von Schlegel: Sämmtliche Werke: Vermischte und kritische Schriften Bd. 5, Leipzig 1847, S. 335–336