Die Kirchengemeinde

Die Anfänge

Unsere Evangelische Kirchengemeinde ist noch sehr jung. Als am 1. Dezember 1946 die feierliche Einweihung der „Notkapelle“ in der Jaczostraße 52/54 stattfand, begann der eigentliche Aufbau der Kirchengemeinde. Vier Jahre zuvor, am 1. Oktober 1942, war durch Beschluß des Evangelischen Konsistoriums der Mark Brandenburg der Ortsteil „Pichelsdorf-Bocksfelde“ zur selbständigen Kirchengemeinde Spandau-Pichelsdorf ernannt. Bis zu dieser Entscheidung der Kirchenbehörde wurde Pichelsdorf als Teil der Melanchthongemeinde mit verwaltet. Der für diesen Ortsteil zuständige Pfarrer, F. A. Bauer, wurde später auch erster Pfarrer von Pichelsdorf. Er blieb es bis 31. Oktober 1969. In dieser Zeitspanne entstand Stück für Stück, oft unter recht mühsamen Verhandlungen mit den Behörden und unter finanziellen Belastungen für die Gemeinde, das heute auf dem Grundstück Fröhnerstraße 15/17 — Roedeliusweg — Jaczostraße 52/54 errichtete Gemeindezentrum.

Die Wochenendkapelle

Zur besseren Betreuung der Evangelischen in Pichelsdorf baute die Melanchthongemeinde im Jahre 1928 eine Wochenendkapelle an der Scharfen Lanke. Es war eine kleine Holzkapelle, die besonders am Wochenende von den Anwohnern und Ausflüglern gerne besucht wurde. Der heute noch vorhandene Kapellenweg erinnert an jene Kapelle. Diese kleine Kirche stand mitten im Laubengelände, das auf dem Grund und Boden der Stadt entstanden war.
Es muß damals recht romantisch gewesen sein. In den Akten der Kirchengemeinde wird berichtet, daß das erste Brautpaar, die Eheleute Rupke, in einem weißen Motorboot vom Pichelssee zur Kapelle fuhr. Es wäre wohl auch heute noch reizvoll, wenn ein Brautzug über das Wasser zur Kirche käme. Aber der Krieg hat diese Kapelle nicht verschont. Am 26. November 1943 brannte die Wochenendkapelle völlig nieder.

Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt

Inzwischen war Pichelsdorf als Kirchengemeinde selbständig geworden. Die Grenze im Norden war die Heerstraße, im Westen die Sandstraße, im Süden der Keltererweg und die Karolinenhöhe, im Osten der Stößensee. Dazu gehörten außerdem nördlich der Heerstraße der Mahnkopfweg am Grimnitzsee, der Brandensteinweg und die Kolonien Birkeneck und Steffenhorn.
Architekt und Baurat Brodführer von Pichelsdorf war in den folgenden Jahren der Mann, der im wesentlichen den weiteren Aufbau der Gemeinde architektonisch gestaltet hat.
Die Christengemeinde wurde schon seit alters als ein Schiff dargestellt. Es war geradezu selbstverständlich, daß eine Gemeinde, die mit dem Wasser so verbunden war wie Pichelsdorf, als Symbol das Schiff wählte. Das Siegel der Kirchengemeinde, das von Baurat Brodführer entworfen wurde, zeigt ein Pichelsdorfer Segelboot, über ihm ein Kreuz. Am Rande steht geschrieben: Evangelische Kirchengemeinde Berlin — Spandau — Pichelsdorf.

Das wandernde Gottesvolk

Nachdem die Gemeinde durch die Zerstörung der Wochenendkapelle keine Bleibe mehr hatte, mußte sie sehen, wo sie vorübergehend unterkommen konnte. Im nahegelegenen „Spandauer Yachtclub“ fand man Aufnahme. Aber auch hier konnten die Gottesdienste n.icht lange stattfinden. Am 15. Februar 1944 wurde der Yachtclub ebenfalls völlig zerstört.
Nun stellte der „Akademische Seglerverein“ an der Scharfen Lanke einen Raum für die Gottesdienste zur Verfügung. Von April 1944 bis Juli 1945 war dies möglich, aber dann wurde das Clubhaus mit sämtlichem Inventar von der britischen Marinedivision beschlagnahmt.
Pfarrer Bauer hielt nun, da sich keine andere Möglichkeit bot, die sonntäglichen Gottesdienste in seiner Wohnung. An den Festtagen des Kirchenjahres konnte man jedoch in die Melanchthonkirche ausweichen.

Die Notkapelle

Es war dringend geboten, so schnell wie möglich eine „Notkapelle“ zu bauen.
Kurz nach Kriegsende war das ein fast aussichtsloses Vorhaben. Aber Pfarrer Bauer überwand alle Hindernisse. Am 13. Mai 1946 bekam die Gemeinde die Bauerlaubnis von der Britischen Militärregierung zum Bau einer „Notkapelle“.
Baurat Brodführer wurde mit der Bauleitung beauftragt.
Mit Hilfe von Darlehen und Kollekten schaffte man es tatsächlich, daß innerhalb von sieben Monaten die Gnadenkapelle“ entstand.

Der Platz, auf dem sie erbaut wurde, war von Schutt und Unrat erfüllt, so daß das Feld im Volksmunde „Lumpenwiese“ genannt wurde (PB = Protokollbuch, S. 13).

Am 1. Advent 1946 fand die feierliche Einweihung der Kapelle statt. Die Festrede hielt der damalige Generalsuperintendent Gerhard Jacobi, DD., über Psalm 26, 8:

Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.

An Ehrengästen waren der Spandauer Superintendent Professor Lic. Albertz, als Vertreter des Englischen Hauptquartiers Oberstleutnant Parzifal, der Bürgermeister von Spandau und verschiedene Vertreter der Behörde erschienen.
Besonders begrüßt wurde der Erbauer der „Notkapelle“, Herr Baurat Brodführer.
Das Altarbild hatte das Künstlerehepaar Wendlandt, das heute u. a. auch Kinderbücher schreibt und illustriert, geschaffen. Das Bild stellt den auferstandenen Christus dar, der von zwei knieenden Gestalten umgeben ist.

Das Altarbild zeigt den vom Himmel hereinschreitenden auferstandenen Christus, der einen jungen Mann und eine junge Frau in mahnender und zugleich segnender Geste beschenkt, hinter denen aber sich als drohendes Mahnmal jeden Abfalls und jedes Verlassens auf eigene Kraft, erstorbene Ruinen und ein anscheinend erstorbener Baum zeigen. (PB S. 13)

An die Stelle dieses Bildes kam 1954 die Rosette.
Die Gnadenkapelle war die erste Kapelle, die nach dem Krieg in Berlin gebaut werden konnte.

Die Gemeinde wächst

Der Grundstein für den weiteren Aufbau war mit der Notkapelle gelegt, aber der Raummangel war damit nicht behoben. Lebendiges Gemeindeleben setzt entsprechende Räume voraus. So unmittelbar nach der Katastrophe des 2. Weltkrieges hatte man stärkeres Verlangen nach Gemeinschaft und dem tröstenden und aufrichtenden Worte Gottes.

So bemühte sich der Gemeindekirchenrat, daß das Grundstück Fröhnerstraße 15/17 — Roedeliusweg — Jaczostraße 52/54, das im Besitz des Berliner Stadtsynodalverbandes war, der Gemeinde als Eigentum überschrieben würde. 1950 war es dann soweit. Die Gemeinde hatte nun eigenen Grund und Boden, auf dem sie nach ihrem Bedürfnis entsprechend bauen konnte. Seit 1950 liefen die ersten Bemühungen um Erweiterung der Notkapelle. Wieder nahm der GKR Darlehen auf, und Baurat Brodführer entwarf Bausteine, die für 1 DM pro Stück verkauft werden sollten, um die finanziellen Voraussetzungen zu verbessern. Auch die Gemeinde opferte einen nicht unerheblichen Betrag für dieses Bauvorhaben. Im Jahre 1951 war zur Pichelsdorfer Gemeinde die Weinmeisterhöhe dazugekommen.

Die Weinmeisterhöhe ist umgrenzt im Osten von der Scharfen Lanke (Lanke-Werft), im Süden von der Gemarkung Gatow, im Westen von der Mittellinie der Wilhelmstraße gegenüber Karolinenhöhe, wobei die westlichen Teile des Gutes Karolinenhöhe mit dem Gutshaus in der Ostzone verbleiben, im Norden vom Keltererweg und der bisherigen Grenze zur Gemeinde Pichelsdorf. Die Evangelischen der Weinmeisterhöhe wohnen in folgenden Straßen: Haveldüne, Höhenweg, Hevellerweg, Weingartenweg, Herulerweg, Warägerweg, Wilzenweg, Semnonenweg, Gotenweg, Blakenheideweg, Wendenweg und gehörten bisher zur Kirchengemeinde Seeburg, Filiale des Evangelischen Pfarramtes Dallgow (PB S. 42).

Mit dem 1. April 1951 wurde die Obernahme der Weinmeisterhöhe in die Gemeinde Pichelsdorf rechtsgültig.

Inzwischen war es möglich gewesen, die Gnadenkapelle zu erweitern. Am 13. Mai 1951 war diese Bauerweiterung fertiggestellt. Drei Jahre später wurde die Kapelle nochmals vergrößert:

Sie erfuhr durch den Anbau eine Verlängerung des Kirchenschiffes um 7,40 m und eine Erhöhung um 2,60 m. Sie bietet jetzt Platz für 320 Personen (PB S. 89).

Im Frühjahr 1955 ist unsere Kirche zur „Ausflüglerkirche“ vom Evangelischen Konsistorium ernannt worden.

So mancher Wochenendausflügler, der die Schönheit der Scharfen Lanke genoß, hat auch einen Besuch am Sonntagmorgen in der Gnadenkirche unternommen.

Durch den Einsatz von Pfarrer Bauer gelang es, daß am 10. Juni 1957 an die Kirche ein Jugendheim mit ca. 80 qm gebaut werden konnte. Auch diesen Teil, wie alle vorherigen Abschnitte, entwarf Architekt Baurat Brodführer.

1961 wurde auf dem Grundstück Fröhnerstraße 15/17 ein Pfarrwohnhaus errichtet. In diesem befindet sich u. a. die Wohnung für den Pfarrer, die Schwesternstation und das Pfarramt. Der Entwurf stammte von Architekt Heier, da Architekt Brodführer 1960 verstorben war. Am 1. Advent 1965 konnte der von Architekt Scholz entworfene 21 m hohe Glockenturm eingeweiht werden. Nach fast 20jähriger Bauzeit war damit das Gemeindezentrum der Gnadenkirche abgeschlossen.

Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen

Dieses Wort aus dem 127. Psalm erinnert uns immer daran, daß alle Bemühungen des Menschen ihre Grenzen haben. Die Gemeinde ist immer Gemeinde Jesu Christi. In seinem Namen und Auftrag versucht sie den Menschen das Wort Gottes weiterzusagen. Von jenem Wort her bekommt ihre Arbeit die Ausrichtung. Für diesen Auftrag wurde die Kirche gebaut.

Im Eingang zum Kirchraum findet man die Gedenktafel an die Gefallenen des 2. Weltkrieges unserer Gemeinde.

Gegenüber, auf einer Bronzetafel, sind die Inschriften der drei Glocken zu lesen. An der Glastür, die zum Kirchgarten führt, ist das Wort aus Apostelgeschichte 2, 42 eingeschliffen:

Sie blieben aber beständig in der Apostel Lehre und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.

Im Kirchraum selbst leuchten die schönen bunten Glasbilder an den großen Fenstern, mit den verschiedensten Motiven. Besonders schön gelungen sind die vier Apostel von Dürer, die die Firma August Wagner herstellte. Gestiftet wurden diese von Frau Koch und Frau Simon.

Von der Firma Wagner wurde auch die in ihrem Farbton prächtig glänzende und sehr wertvolle Rosette über dem Altar, mit der Taube als Symbol des Heiligen Geistes geschaffen und der Gemeinde 1954 geschenkt. Dieses Symbol will uns darauf hinweisen, in welchem Geist wir Christen miteinander leben sollen. Die Kosten für die anderen bunten Glasfenster mit biblischen Motiven wurden von der Frauenhilfe und dem Architekten Scholz übernommen.

Der schlichte Altar mit seiner 12 Zentner schweren Marmorplatte und die Kanzel wurden von Architekt und Baumeister Alfred Koske der Gemeinde gestiftet. Den Kruzifixus über der Kanzel hat Pfarrer Bauer der Gemeinde geschenkt. Der Klang der Walcker-Orgel, die 1958 eingebaut wurde, füllt mit ihren 8 Registern den Kirchenraum.

Das Wichtigste aber von allem ist, daß sich immer wieder Menschen in diesem Gemeindezentrum begegnen, um miteinander das Wort Gottes zu hören und danach zu leben.

So bitten wir Gott, daß er allen, die im Dienste dieser Kirche stehen, Freude, Geduld, Ausdauer und die Gewißheit gibt, daß er mit uns ist, denn:

Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst. die daran bauen.


Quellenangabe:

  1. Protokollbuch des Gemeindekirchenrates von Pichelsdorf 1942-1969.
  2. Bauer, Friedrich August, in: Gemeindeblatt der Evangelischen Gnadenkirche, Hefte Dezember 1965, Mai 1967 und Oktober 1969.
  3. Festschrift der Evangelischen Melanchthon-Kirchengemeinde zur 75-Jahr-Feier ihrer Kirche im Jahre 1968.

Chronik von Ort und Kirchengemeinde Pichelsdorf (1971)
<Pichelsdorf|Straßennamen und ihre Bedeutung>
Kleine Chronik der Kirchengemeinde in Zahlen>