Kleine Chronik Pichelsdorfs in Zahlen

  • 1157: Die Jaczostraße erinnert an den Wendenfürsten Jaczo (Jakza) von Köpenick, der nach einer gegen Albrecht den Bären verlorenen Schlacht mit seinem Pferd von Pichelsdorfer Gebiet aus die Havel durchschwommen und das Christentum angenommen haben soll (Schildhornsage).
  • 1197: Erste urkundliche Erwähnung „Spandows“. Cölln und Berlin werden erst in den Jahren 1237 und 1244 genannt.
  • 1232: In der Spandauer Stadtrechtsurkunde — ausgestellt durch die gemeinsam regierenden Markgrafen Johann I. und Otto III. — wird die Scharfe Lanke als Südgrenze 1 des Spandauer Einflußbereichs angegeben.
  • 1375: Nach dem Landbuch Kaiser Karls IV. — einer Bestandsaufnahme der Städte, Dörfer usw. zu fiskalischen Zwecken — ist „Pichelstorp“ dem Spandauer Schloß zu Dienstleistungen verpflichtet. Der Ort ist von Fischerkossäten bewohnt.
  • 1439: „Pigelstorp“ wird urkundlich genannt in einer Fischzollstreitigkeit der Städte Spandau und Berlin.
  • 1509: Auf Beschluß des Spandauer Rates wird auf den Hängen der „Gatowschen Berge“ — dem Höhenzug zwischen Weinmeisterhorn und dem Hahneberg bei Staaken — Wein angebaut. Es entstehen 7 Weinmeistergehöfte.
  • 1540: In dieser Zeit gehört der Spandauer Wein zu den begehrten Exportartikeln und wird bis nach Skandinavien und Rußland ausgeführt. In London unterliegt er zeitweilig dem gleichen Zoll wie der Rheinwein.
  • 1590: In Pichelsdorf leben 14 Fischerfamilien und ihr Dorfschulze unter der Gerichtsbarkeit des Spandauer „Schlosses“. Die Fischereirechte erstrecken sich von Spandau bis hinter Potsdam. Gegen ein an den Spandauer Rat zu zahlendes „Weidegeld“ genießen die Pichelsdorfer bestimmte Hütungsrechte unter den Weinbergen bis hin zur „Börnicker Lake“ (jetzt: Südparksee).
  • 1631: Während die brandenburgische Landesfestung Spandau im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden besetzt wird, bleibt das abseits der Durchgangsstraßen liegende Pichelsdorf von Kriegsnöten verschont.
  • 1668: Die Stadt Spandau und Pichelsdorf schlichten neue Streitigkeiten um die Hütungsrechte bei der Börnicker Lake. Oie Pichelsdorfer erhalten zwei Drittel des Weidelandes.
  • 1725: Der Spandauer Rat läßt von den Kanzeln bekanntmachen, daß jeder mit 10 Talern Strafgeld belegt wird, der seine Toten heimlich in den Weinbergen begräbt, um die Kirchengebühren zu sparen.
  • 1745: In einem strengen Winter vernichtet der Frost zahlreiche Weinstöcke. Der Weinbau endet aber erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als der lohnendere Kartoffel-, Korn- und Obstanbau einsetzt.
  • 1753: König Friedrich II. läßt zwischen Spandau und Gatow ein mehrtägiges Manöver abhalten. Unter den Feldmarschällen Keith, Schwerin und Kalckstein üben 44000 Mann.
  • 1760: Im Verlauf des Siebenjährigen Krieges verwüsten preußische Hilfstruppen in Pichelsdorf Gärten, Scheunen und auch einige Häuser durch Plünderung.
  • 1766: Privatkaufleute gründen auf der Insel Pichelswerder ein Holzhandelsinstitut, die spätere Königliche Nutzholzniederlage.
  • 1790: In dem wenige Jahre zuvor erbauten Büdnerhaus (später “ Historischer Weinkeller“, Alt-Pichelsdorf 32) lebt der ehemalige Soldat Seegemund und zahlt seit 1789 jährlich einen Taler Erbzins an die Spandauer Bürgerkasse.
  • 1791: In Pichelsdorf wird eine in Swinemünde abgebrochene Windmühle neu aufgerichtet. Sie betreibt unter ihrem Baumeister und ersten Müller Samuel Erdmann 27 Holzsägen für den staatlichen Holzhandel. Die Mühle, später nur noch Lohmühle, wird 1810 abgebrochen.
  • 1800: Beginn des Berliner Ausflugsverkehrs durch die „Grunewaldsche Heide“ — u. a. mit Fähren — über Pichelswerder nach Pichelsdorf. König Friedrich Wilhelm III. und der Dichter Jean Paul besuchen die Insel Pichelswerder und loben seine landschaftlichen Schönheiten. Pfarrer Schmidt von Werneuchen verfaßt Gedichte über die Pichelsberge.
  • 1807: Während eines Unwetters erhebt sich eine etwa 35 mal 10 m große Schlamminsel einen Meter hoch aus der Havel zwischen Pichelsdorf und Pichelswerder. Die sogenannte „Pfingstinsel“ von zahlreichen Geologen besucht – vereinigt sich im laufe der Jahre mit dem Pichelsdorfer Havelufer.
  • 1808: Der Spandauer Maurermeister und erste Stadtverordnetenvorsteher Johann Abraham Bocksfeld erwirbt das ehemalige Mühlengrundstück (unweit der Scharfen Lanke, heute Bocksfeldstraße 52) und betreibt dort eine Kalkbrennerei.
  • 1813: Die mit den Preußen verbündeten Russen bauen zwischen Pichelsdorf und Pichelswerder eine Pontonbrücke, um die von den Franzosen besetzte Festung Spandau von Süden anzugreifen.
  • 1816: Der Engländer J.B. Humphreys baut in Pichelsdorf mit dem 39 m langen Mittelraddampfer „Prinzessin Charlotte von Preußen“ das erste deutsche Dampfschiff.
  • 1820: Etwa 3 Jahrzehnte lang arbeitet auf dem Grundstück Bocksfelds eine Ziegelei. Bocksfeld stirbt 1852, danach wird das Gelände als Vorwerk oder sogenantes „Gut“ bis gegen 1900 landwirtschaftlich genutzt.
  • 1825: Der staatliche Holzhandel auf der Insel Pichelswerder ist aufgelöst worden. Gebäude und Grundstücke der Floßwärter werden verpachtet, später verkauft.
  • 1856: Aus den 4 ehemaligen Floßwärtergrundstücken haben sich Gaststätten entwickelt. Sie heißen: Kretzschmer (später: Rackwitz), Auf der Höhe (später: Wilhelmshöhe), Teidicke (später: Inselgarten bzw. Zum Freund) und Königgrätzer Garten (jetzt: Siemens).
  • 1871: Der Restaurateur Rackwitz (gestorben 1934) übernimmt eine kleine Gaststätte, die sich zu einem vielbesuchten Vergnügungsort der Berliner entwickelt. Der Zustrom der Gäste ist so groß, daß Rackwitz 1882 eine Pontonbrücke zwischen Rupenhorn und Pichelswerder anlegen läßt.
  • 1875: Der Rentier Julius Busse gründet die Pichelsdorfer Brauerei (seit 1889 Radeberger Exportbierbrauerei) mit Restauration.
  • 1880: Beginn der Havelregulierungsarbeiten, u. a. am Pichelsdorfer Gemünde. Der „Mummenstecher“, der bisher mit Kiefernästen die Untiefen der Havel kennzeichnete, wird arbeitslos.
  • 1882: Anlage weiterer Industrien in Pichelsdorf, darunter sind die von Charlottenburg hierher verlegte Porzellanfabrik Haldenwanger und eine Krangesellschaft mit Werftbetrieb. Industriespekulanten erwerben Pichelsdorfer Gebiet.
  • 1890: Grundstücksspekulanten (u. a. der Baugesellschaft „Concordia“), die auf eine industrielle Nutzung des westlichen Unterhavel-Ufers hoffen, bemühen sich um das „Gut“ Bocksfelde.
  • 1893: Pichelsdorf erhält eine Postagentur des Postamts Spandau 1 (OPD Potsdam). Sommerwohnungen stehen den Berlinern für 15–20 Mark monatlich zur Verfügung. Ein Jahr später verkehrt die Pferdebahn zum Spandauer Bahnhof.
  • 1903: Während die Festung Spandau „aufgelassen“ wird, entsteht in Bocksfelde eine Wochenendkolonie (Sportangler-Verein von 1902). Wenige Jahre später wird die Neugründung von Fabriken untersagt, und es ist nur noch landhausmäßige Bebauung zulässig.
  • 1908: Durch den Bau der Döberitzer Heerstraße müssen zwei alte Rauchfanghäuser in Pichelsdorf abgerissen werden. Umfangreiche Erdaufschüttungen auf Pichelswerder, das durch den Bau der Stößensee- und Freybrücke den Inselcharakter verliert — am Südufer des Grimnitzsees und beim späteren Südparkgelände.
  • 1911: Auf Pichelswerder — Freilichtbühne mit 2000 Sitzplätzen – veranstaltet die Gesellschaft „Brandenburgia“ mit 250 Darstellern das historische Festspiel „Albrecht der Bär“ von E. König.
  • 1917: Die Erben des Kaufmanns Nathan Bernstein, die Bocksfelde zuletzt besaßen, verkaufen das mit Lauben besiedelte Gelände an die Stadt Spandau.
  • 1920: Die Gemeinde Pichelsdorf (400 Einwohner, 123 Hektar Fläche) scheidet aus dem Kreis Osthavelland aus und gehört fortan zum Bezirk 8 (Spandau) von Groß-Berlin.
  • 1926: Baubeginn der sogenannten „Polizeisiedlung“ zwischen Bocksfeldstraße und Jaczostraße, die bald danach von der „Postheimstätte“ übernommen und beendet wird.
  • 1927: Eröffnung der Straßenbahnlinie 75, die über die Heerstraße nach Charlottenburg fährt.
  • 1936: Pichelswerder wird unter Landschaftsschutz gestellt, nachdem zuvor (1929) Pläne, den Berliner Zoo dorthin zu verlegen, aus wirtschaftlichen Gründen von der Zoo-Direktion abgelehnt worden waren.
  • 1945: Schwere Kämpfe (etwa 5000 Hitlerjungen) um Pichelsdorf und Pichelswerder, dem letzten Fluchtweg aus dem eingeschlossenen Berlin. Die Freybrücke wird gesprengt (Beendigung des Neubaus: 1951 ).
  • 1945: In seiner 4. Sitzung (30. 8. 1945) beschließt der Alliierte Kontrollrat, daß der Flugplatz Staaken der sowjetischen Besatzungszone und der Flugplatz Gatow (mit Zufahrtswegen) dem britischen Sektor von Berlin zugeteilt wird. Damit kommt der sogenannte „Seeburger Zipfel“ („Haveldüne“) zu Westberlin.
  • 1953: Die britische Besatzungsmacht gibt dem Akademischen Segler-Verein e. V. (seit 1906 an der Scharfen Lanke) das bis dahin beschlagnahmte Grundstück zurück. Der Verein besitzt mit der „Prosit“ (160 qm Segelfläche) die größte Segeljacht Berlins.
  • 1958: Die „Postheimstätte“ baut auf ehemaligem Laubengelände (Heerstraße 251–275) Wohnhäuser. Dadurch wird eine umfangreiche Neubebauung größerer Flächen zwischen Heerstraße und Gatower Straße eingeleitet.
  • 1963: Die Post eröffnet Heerstraße 287-293 das Postamt Berlin 207 mit Fernsprechvermittlungsstelle. Im gleichen Jahr errichtet die Porzellanfabrik Haldenwanger eine neue Brennhalle auf dem zugeschütteten Stolzengraben, der ehemaligen Verbindung zwischen Grimnitzsee und der Scharfen Lanke.
  • 1966: Stillegung der Straßenbahnlinien 75 und 76, die durch Buslinien ersetzt werden. An der Heerstraße wird ein Omnibusbahnhof gebaut.
  • 1967: Am 1. April Einweihung der „Grundschule am Weinmeisterhorn“, Daberkowstraße.
  • 1968: Einweihung der Gottlieb-Daimler-Oberschule (Hauptschule) an der Jaczostraße mit gleichzeitigem Richtfest für den Neubau einer benachbarten Realschule. (Seit 1.4.1970 Wilhelm-Maybach-Schule).
  • 1969: Die Gaststätten „Alter Bergschulze“ und „Weinmeisterhof“ an der Gatower Straße werden abgerissen. Zugleich eröffnet Heerstraße Ecke Pichelsdorfer Straße mit dem „Pichelsdorfer Fenster“ ein neues, vielseitig ausgestattetes Vergnügungszentrum.
  • 1970: Bundespräsident Heinemann erscheint zum Richtfest eines Neubaues der DLRG (Baukosten 4,5 Mill. DM) an der Scharfen Lanke. Unweit davon — auf dem Gelände der ehemaligen Brauerei — werden die ersten 120 Wohnungen der terrassenförmig angelegten „Pichelsdorfer Seehäuser“ bezogen.
  • 1971: (29. 1.) — Die Gebäude der Firma Haldenwanger, Alt-Pichelsdorf 35-41, werden gesprengt. Die Firma verlegt ihre Produktion (technische Keramik für Industrie und Labor) nach der Pichelswerderstraße (Gewerbehof). Auf dem alten Gelände entsteht ein Verbrauchermarkt.
  • 1971: Unterhalb der Haveldüne eröffnet ein moderner Jachthafen mit 75 Bootsanlegeplätzen, einem Apartmenthaus und einem Gaststättenpavillon. Eine Krananlage kann Schiffe bis zu 6 t Gewicht ins Wasser heben.

Chronik von Ort und Kirchengemeinde Pichelsdorf (1971)
<Heerstraße|Quellen und Literatur>