Heerstraße

Von der Wilhelmstraße bis zum Mahnkopfweg — über eine Länge von mehr als 1,5 Kilometern — bildet die Heerstraße die Nordgrenze unseres Gemeindegebiets. Die Straße und ihre Randgebiete waren in den letzten 12 Jahren häufig baulichen Veränderungen unterworfen. Bis 1958 erstreckte sich nördlich und südlich der Heerstraße (wovon wir hier nur das südliche Gebiet betrachten wollen) vielfach Kleingartengelände.

Die ab Oktober 1958 bezugsfertig gewordenen Häuser der „Postheimstätte“ (Heerstraße 251–275) schlugen die erste Bresche für eine städtische Bebauung. In den folgenden Jahren erhielt die bis dahin noch kaum befestigte Jaczostraße eine neue Einmündung in die Heerstraße, und es entstanden Ende 1962 die sogenannten „Osterhof-Häuser“ (Heerstraße 277–281) sowie das 15 geschossige, 47 m hohe Wohngebäude Heerstraße 243–247.

Ein Jahr später baute die Post an der Ecke Gatower Straße ihr Postamt Berlin 207 mit einer Fernsprech-Vermittlungsstelle. Anderes Kleingartengelände mußte einer Vergrößerung des Südparks weichen, der nun Anschluß an die Wasserfläche der Scharfen Lanke gefunden hat. Bei der Gelegenheit trat die Stadt Berlin der Porzellanfabrik Haldenwanger den zugeschütteten Stolzengraben ab, der einst den Grimnitzsee und die Scharfe Lanke verband. Nach kostspieligen Gründungsarbeiten erstellte dort im Jahre 1963 die Firma Haldenwanger eine moderne Brennhalle. Aber schon Anfang 1971 wurden die Brennhalle und auch die alten Fabrikgebäude gesprengt und abgetragen. An gleicher Stelle entsteht ein Verbrauchermarkt, während Haldenwanger seine Produktion von Industrie- und Laborporzellan in der Pichelswerderstraße (Gewerbehof) fortsetzt.

Unweit der alten Haldenwanger-Bauten ist inzwischen das Vergnügungszentrum „Pichelsdorfer Fenster“ (seit 1969) zu einem Erholungsmittelpunkt der südlichen Wilhelmstadt geworden. Trotz dieser Aktivitäten, die das pulsierende Leben der Gegenwart widerspiegeln, sei auch ein Blick in die Vergangenheit, auf das Entstehen der Heerstraße, erlaubt.

Man hört immer wieder, daß Kaiser Wilhelm II. mit Hilfe eines Lineals und einer Landkarte eine schnurgerade, über 22 Kilometer lange Verbindung vom Berliner Stadtschloß zum Hauptkasino des Truppenübungsplatzes Döberitz „geschaffen“ habe. Daran ist etwas Wahres, nämlich der „allerhöchste Wunsch“, den Berliner Garderegimentern auf ihrem Marsch zu dem 1895 eingerichteten Truppenübungsplatz Döberitz den zeitraubenden Umweg über die Spandauer Altstadt zu ersparen. Der Kaiser veranlaßte den damaligen Oberpräsidenten von Bethmann-Hollweg, den späteren Reichskanzler, zu einem ausführlichen Bericht. Mehrere Pläne entstanden, die die unterschiedlichen Interessen der Städte Charlottenburg und Spandau, der Dörfer Pichelsdorf und Staaken, des Forstfiskus und der Kreise Teltow und Osthavelland berücksichtigen mußten.

Schwieriger als die Finanzierungsfrage — sogar Pichelsdorf beteiligte sich mit 10.000 Mark — gestaltete sich später die Bewältigung der städtebaulichen und landschaftlichen Gegebenheiten. Vom Charlottenburger „Knie“ bis zum hochgelegenen Reichskanzlerplatz (heute: Theodor-Heuß-Platz) dauerte der Bau (bis 1908) etwa 5 Jahre. Dabei mußten an der südlichen Bismarckstraße zahlreiche Häuser einer Straßenverbreiterung weichen. Im Grunewald ging dann der Heerstraßenbau zügig voran, bis die Überquerung von Stößensee und Havel erhebliche technische Probleme aufwarf.

Der 1. Bauentwurf sah vor, vom jetzigen Scholzplatz aus liniengerade weiterzubauen. Dieses Projekt hätte aber einige längere Brücken notwendig gemacht, die den Stößensee (250 m breit), das Havel-Gemünde und die Scharfe Lanke (400 m breit) überqueren sollten. Als Anhaltspunkte für die Linienführung waren das Rupenhorn, die Südspitze der Insel Pichelswerder und die Weinmeisterhornspitze gedacht. Von dort aus sollte die Straße den Höhenzug der Haveldüne bei der Weinmeisterhöhe durchbrechen und — an Karolinenhöhe und Seeburg vorbei — schließlich den südlichen Teil des Truppenübungsplatzes Döberitz erreichen. Wegen der vermeintlichen Brückenbaukosten änderte man die vorgesehene Linienführung. Die Straße erhielt beim Scholzplatz einen Knick in leicht nordwestlicher Richtung, und man begann, einen Teil des Stößensees durch einen 20 m hohen und etwa 300 m langen Erdwall derart aufzufüllen, daß nur noch eine 30 m breite Durchfahrt überbrückt werden mußte (Stößenseebrücke). Dennoch gestaltete sich der Bau kostspieliger als vorgesehen. Erst in 35 m Tiefe des mit Faulschlamm bedeckten Seegrundes fand sich fester Boden, der die Straße und den Erdwall tragen konnte. Immer wieder quoll das eingeschüttete Erdreich empor, bis tiefgreifendes Pfahlwerk und Faschinen leidlich Halt schafften. Einmal verschluckte der See sogar Loren, Geleise und Arbeitsgerät einer Straßenbaufirma.

Auf Pichelsdorfer Gebiet wurde der Bau zügig vorangetrieben, 1910 war die Freybrücke fertig. Der Abriß einiger alter Häuser in Pichelsdorf und die Aufschüttung des sumpfigen Geländes am südlichen Grimnitzsee und an der Börnicker Lake (jetzt Südpark) bereitete den Straßenbauern keine unüberwindbaren Schwierigkeiten. Die letzte Teilstrecke zwischen Amalienhof und Staaken wurde 1911 fertig. In Staaken fand die Heerstraße Anschluß an die Hamburger Chaussee, die unmittelbar am Lager Döberitz vorbeiführte. Aber schon ein Jahr zuvor hatte der Kaiser den Anmarschweg seiner Garderegimenter als „Döberitzer Heerstraße“ feierlich eingeweiht.

Es würde hier zu weit führen, im einzelnen darzustellen, was die neue, elektrisch beleuchtete und mit Blumenrabatten und Hecken geschmückte Prachtstraße für die bauliche und verkehrsmäßige Erschließung von Pichelsdorf und Pichelswerder bedeutet hat. Nur so viel sei abschließend erwähnt: das Pichelsdorfer Gebiet fand über Charlottenburg schnell Anschluß an Berlin, ohne daß die historisch gewachsenen Beziehungen zu Spandau verlorengingen. Diese Entwicklung fand ihr folgerichtiges Ende im Anschluß Pichelsdorfs an das dafür 1920 geschaffene Groß-Berlin.


Chronik von Ort und Kirchengemeinde Pichelsdorf (1971)
<Weinmeisterhöhe|Kleine Chronik Pichelsdorfs in Zahlen>