Weinmeisterhöhe

Unsere Gemeindegrenzen umfassen im Süden teilweise ein Gebiet, das als Spandauer Ortsteil „Weinmeisterhöhe“ bekannt ist. Die Straßennamen „Weinmeisterhornweg“ und „Keltererweg“ erinnern an eine Zeit, in der Weinreben die Uferhänge der Havel bekränzten.

Schon 1173 wird der Weinbau in der Mark Brandenburg urkundlich erwähnt, und ein anderer Chronist berichtet vom Jahr 1508, daß damals die Havel — wie die Mosel — von Weinbergen bekränzt gewesen sei. 1509 beschloß der Rat der Stadt Spandau, den langgestreckten Höhenzug, der von der Havel bis zum Hahneberg bei Staaken reicht, mit Wein bepflanzen zu lassen. So entstanden am „Gathowschen Berge“ sieben Weinberge, von denen der Rat sechs verpachtete und das Spandauer Nonnenk loster einen selbst übernahm. 1565 gab es allein um Berlin 92 Weinberge. Im 16. Jahrhundert muß der Weinverbrauch in der Mark recht groß gewesen sein. Um dem Obermaß entgegenzuwirken, erließ Kurfürst Johann Georg eine Vorschrift, daß bei einer Hochzeit neben dem Bier „nur“ zwei Tonnen Landwein getrunken werden durften. Diese Menge läßt die moderne Weinwerbung neidvoll erblassen.

Doch was den Hochzeitsgästen verwehrt war, stand den Nonnen des Spandauer Klosters ausdrücklich zu. Auch nach der Reformation genossen sie neben dem lebenslangen Wohnrecht im Kloster ein Verpflegungsdeputat, wozu auch Bier und Wein gehörten. Ein reichlicher und guter Tropfen aus dem zwischen Havel und heutiger Gatower Straße gelegenen Klosterweinberg, dem späteren Amtsweinberg, war ihnen also sicher.

Das 16. Jahrhundert war so recht das Jahrhundert des märkischen Weinbaus. Entgegen der späteren Redensart, daß der märkische Wein „wie eine Säge in die Kehle hineingeht“, muß das Getränk auch ohne die zeitweilig üblichen „Verbesserungen“ durch Honig und Gewürze damals vorzüglich gewesen sein. Die Fürsten und Herren ließen sich bei Huldigungen und Besuchen nur zu gerne mit einheimischen Landwein „traktieren“. Seit 1540 gehörte der Spandauer Rebensaft, wie auch die Erzeugnisse aus Potsdam, Werder, Rathenow und Crossen zu den devisenbringenden Exportartikeln. Er wurde bis nach Rußland, Polen, Skandinavien und England ausgeführt und z.B. in London zeitweilig wie Rheinwein verzollt.

Der kurfürstlich-brandenburgische Hof hatte einen hohen Verbrauch an einheimischem Tischwein, denn es speisten an der herrschaftlichen Tafel zeitweilig über 100 Personen täglich. Also galt es einzuteilen. Kurfürst Johann Georg zwang seine Weinmeister durch eine besondere Verordnung zur Sparsamkeit (1578). Sie sollten die Rebhügel gegen jedermann sorgsam schützen und durften nur mit Genehmigung „Kranken oder schwangeren Weibern“ ein paar Trauben abgeben.

Obwohl Kurfürsten und Könige den Weinbau in der Mark auch in späterer Zeit förderten, muß Anfang des 18. Jahrhunderts der Weinbau in Weinmeisterhöhe etwas nachgelassen haben, denn aus dem Jahre 1705 ist überliefert, daß die Weinmeister wenig zu tun hatten und neben ihrer eigentlichen Tätigkeit zusätzlich beauftragt wurden, die städtischen Viehherden zu hüten. In dieser Zeit begannen Spandauer Bürger die Weinberge ihrem Zweck arg zu entfremden. Sie versuchten nämlich, dort still und heimlich ihre Toten zu begraben! Natürlich mußte der Rat dagegen einschreiten. Das geschah aber weniger aus hygienischen Gründen, als vielmehr deswegen, weil durch die heimlichen Beerdigungen die Gebühren der Kirche geschmälert wurden. 1725 ließ der Rat von den Kirchenkanzeln verkünden:

Wer seine Toten in den Weinbergen begräbt, zahlt 10 Taler Strafe.

Das muß geholfen haben, denn künftig waren weitere Abkanzelungen überflüssig.

Im Jahre 1745 erfror ein Teil der Weinstöcke, ohne daß der Weinbau völlig aufgegeben wurde. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts hörte der Weinbau in Weinmeisterhöhe nach und nach ganz auf, aber noch 1790 lieferte der Rauensche Weinberg (Amtsweinberg) den Abendmahlswein für 19 Landkirchen in der Spandauer Umgebung.

Schließlich verdrängten die Kartoffel, allerlei Gartenfrüchte und das Korn die Reben. Daraus ließ sich ohne größeres Risiko ein kleinerer, aber sicherer Gewinn erzielen. Aus den Weinmeistergrundstücken entwickelten sich kleine Landwirtschaften, von denen noch heute einige Bauten am Weinmeisterhornweg erhalten sind. Sie erinnern uns an die einstmals blühende Zeit des Spandauer Weinbaus.


Chronik von Ort und Kirchengemeinde Pichelsdorf (1971)
<Die Scharfe Lanke|Heerstraße>