Die Scharfe Lanke

Das im Pallasgebäude der Zitadelle untergebrachte Heimatmuseum besitzt eine im 15. Jahrhundert hergestellte deutsche Übersetzung der lateinischen Stadtgründungsurkunde Spandaus aus dem Jahre 1232. In der Urkunde ist die Scharfe Lanke, die von unserem Gemeindegebiet umschlossene Havelbucht, als Südgrenze Spandaus erwähnt.

Diese erste Erwähnung bleibt für lange Zeit die einzige. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als Pichelsdorf und sein Werder zu Berliner Ausflugsgebieten wurden, belebte sich auch die geschichtliche Szene an der Scharfen Lanke.

In Pichelsdorf lief 1816 das erste in Deutschland gebaute Dampfschiff vom Stapel. Leiter der Werft war der Engländer J.B. Humphreys, und das Schiff hieß „Prinzessin Charlotte von Preußen“. Sie war zwischen den Zelten (Tiergarten) und Charlottenburg zur Personenbeförderung eingesetzt und erreicht mit einer englischen Antriebsmaschine (14 PS!) die „Geschwindigkeit“ von 7,5 km/Std. Die Werft ist heute nicht mehr genau zu lokalisieren, man nimmt aber an, daß sie an der Scharfen Lanke gelegen hat. Bis 1817 lieferte die Werft noch zwei weitere Schiffe ab, ehe sie nach Potsdam verlegt wurde.

Später entstand am Nordufer der Scharfen Lanke aus einer um 1820 vom Maurermeister J. A. Bocksfeld angelegten Ziegelei die kleine Ansiedlung Bocksfelde mit landwirtschaftlichem Betrieb und einigen Schifferwohnungen. Um die Jahrhundertwende siedelten sich erste Industriebetriebe unweit der Scharfen Lanke an (Haldenwanger, eine Brauerei usw.), bis seit 1911 das umliegende Gebiet nur noch landhausmäßiger Bebauung vorbehalten blieb.

Damit waren die Ufer der 34 Hektar großen und bei normalem Wasserstand bis zu 4,1 m tiefen Havelbucht für Siedlungs- und Wassersportzwecke gerettet.

1919 wurde der Kolonistenverein Bocksfelde e. V. gegründet, der Vorläufer der heutigen Wochenendsiedlung und Wassersportvereinigung Bocksfelde e. V. Für die Siedler und Wassersportler erbaute die Melanchthongemeinde 1928 eine Wochenendkapelle an der Scharfen Lanke.

Die Jahre von etwa 1960 an brachten der Bucht und ihrem Ufergebiet einschneidende Veränderungen. Beinahe 50 % aller Bocksfelder Parzellen mußten wegen der Anlage einer Uferpromenade, des Regenwasser-Sammelbeckens und des Schulzentrums an der Jaczostraße geräumt werden. 120 Bäume wurden gefällt, von denen die ehemaligen Riesenpappeln am Ufer einmal sogar den bei Lilo Ruschin im „Historischen Weinkeller“ entwichenen zahmen Käuzchen zur Unterkunft gedient hatten. Die zahlreichen Einzelstege machten einigen Gemeinschaftsstegen Platz, und schließlich verschwand auch das beliebte „Bierboot“, das Restaurationsschiff Aken.

Ungeachtet dieser Veränderungen ist die Scharfe Lanke mit ihren 9 Sportvereinen ein Zentrum des Berliner Wassersports geblieben. Am längsten ist der schon 1902 gegründete Sportangler-Verein Bocksfelde e. V. hier ansässig. Wer von den etwa 80 Mitgliedern an den ortsüblichen Bleien, Güstern, Plötzen, Barschen. Aalen und Hechten nicht genug hat, kann bei der Hochsee-Anglergruppe des Vereins in der Ostsee den Dorschen und Makrelen nachjagen. Unter den Seglervereinen ist der sei 6 hier wirkende Akademische Segler-Verein e. V. mit seinen ca. 270 eingetragenen Mitgliedern. Seine Anlagen waren von den Briten bis 1953 beschlagnahmt. Der Verein besitzt mit der „Prosit“ (160 qm Segelfläche!) die größte Segeljacht Berlins. Auf ihr werden Studenten für Hochseefahrten mit der vereinseigenen „Walroß“ ausgebildet. Die Fahrten führen z. B. von Cuxhaven oder Travemünde bis nach Spanien, Norwegen, Schottland und sogar nach Island.

Zu den Ruder- und Kanuklubs gehört u. a. die Ruder-Union Arkona, die aus mehreren Vereinen entstanden ist und seit etwa 1922 an der Scharfen Lanke ihrem Sport nachgeht. Sie stellte mit den Ruderern Henning und Luhn sogar Welt- und Europameister. Der Verein hat das Gelände der im spanischen Stil aufgezogenen Gaststätte „Rocco Hacienda“ 1967 aufgekauft und nutzt es nach Abriß der Baulichkeiten (es war ursprünglich eine Filmkulisse) für eigene Zwecke. Der den Anwohnern als sehr lautstark bekannte Esel „Pedro“ kam in den Zoo. Währen „Arkona“ Spitzensportler hervorbrachte, pflegt z. B. die Sport-Vereinigung Dresdenia Berlin e. V. mit ihrer Ruderabteilung sogar das Damenrudern. Der von der Dresdner Bank geförderte Verein bietet auch „Bankfremden“ die Möglichkeit zum Wanderrudern im Gebiet der Unterhavel.

Es ist innerhalb dieses kurzen Berichts unmöglich, das gesamte sportliche Leben an der Scharfen Lanke gerecht zu würdigen. Wir hoffen aber, mit den erwähnten Beispielen unsere Verbundenheit mit diesen Lebensäußerungen innerhalb des Gemeindegebiets deutlich gemacht zu haben.


Chronik von Ort und Kirchengemeinde Pichelsdorf (1971)
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