Pichelswerder

Etwa 200 Jahre sind vergangen, seitdem die Insel Pichelswerder in das Licht der Geschichte trat. 1766 wurde dort, zwischen Havel und Stößensee, durch Privatkaufleute ein Holzhandelsinstitut gegründet. Wie die Landschaft damals aussah, berichte eine alte Chronik:

Noch gehört zum Forstamte Spandow der Pichelsdorffsche Werder. Derselbe liegt der Teltowschen Forst (dem heutigen Grunewald) gegen Abend (westlich), besteht aus geringen Kienen (Kiefern), Brennholz und etwas Eichen. Er enthält 171 Morgen …

Gegen Norden hin wurde er durch einen Wasserlauf von Tiefwerder, dem damaligen Sandwerder, getrennt. 19 Einwohner sind für das Jahr 1784 bezeugt. Es waren die Angestellten der inzwischen in königlichen Besitz übergegangenen „Nutzholz-Niederlage“, die auf 4 Floßwärtergrundstücken, in einer Schmiede und einigen Geräteschuppen wohnten und arbeiteten. Das Holz wurde entweder mit Flößen vom Stößensee aus die Havel abwärts versandt oder in der Pichelsdorfer Windschneidemühle weiterverarbeitet. Am Ufer, Pichelsdorf gegenüber, lag das kleine Nutzholz zum Abtransport aufgestapelt.

Um diese Zeit erschloß der Berliner Ausflugsverkehr den Grunewald und — über Kahnfähren — auch die hügelige Insel. Oie Teilnehmer der Landpartien bekamen in den Floßwärterhäusern gelegentlich eine kleine Erfrischung gereicht, wenn sie es nicht vorzogen, nach Pichelsdorf überzusetzen, um dort einzukehren.

Aber auch für die Wissenschaftler wurde die Insel durch ein sensationelles Naturereignis interessant. Am 17. Mai 1807, mittags gegen 13 Uhr, erhob sich in einem heftigen Unwetter eine etwa 1 m hohe Schlamminsel aus dem Wasser der Havel. Das war zwischen Pichelswerder und Pichelsdorf, etwa 350 m südlich des Dorfes. Einige Geologen beschrieben die etwa 35 mal 9 m messende Insel ausführlich und sahen in unterirdischen Erdbewegungen die Ursache des Naturwunders. Später vereinigte sich die neue Insel mit dem westlichen Havelufer und Havelbegradigungen beseitigten davon auch die letzten Reste.

In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ging der staatliche Holzhandel ein. Die Holzvorräte wurden verkauft und die Grundstücke verpachtet. Um 1850 entwickelten sich auf den Floßwärtergrundstücken 4 Gastwirtschaften, 2 an der Havel und 2 am Stößensee. Die Herren Teidicke und Rackwitz gehörten zu den Pionieren der dortigen Gastronomie. Die Gebäude der Gastwirtschaft Rackwitz sind noch heute vorhanden, werden aber nicht mehr gastronomisch genutzt. Wilhelm Rackwitz war es, der 1882 eine Pontonbrücke vom Rupenhorn aus über den Stößensee schlagen ließ, über die man für 5 Pfennig Gebühr zu den beliebten Gaststätten gelangen konnte. Aber man konnte auch die Kahnfähren vom „Restaurant Kaisergarten“ (Pichelsberg) zum „Restaurant Auf der Höhe“ (später Wilhelmshöhe) oder von Schildhorn zum „Königgrätzer Garten“ benutzen. Viele Berliner zogen nach Pichelswerder, als 1880 am Abhang einer Schlucht ein eratischer Block, ein Findlingsstein, mit sonderbaren Vertiefungen gefunden wurde. Man erklärte den Stein kurzerhand zum „wendischen Opferaltar“, rollte ihn auf die Talsohle und pilgerte in Massen dorthin, um ihn anzustaunen. Die Diskussionen der Wissenschaftler über das Entstehen der merkwürdigen Vertiefungen verstummte schließlich ohne ein allgemein anerkanntes Ergebnis. Heute liegt der Stein unbeachtet in der Schlucht südlich der Heerstraße. Die Vorgeschichtler machten noch andere interessante Funde auf der Insel. Sie gruben eine jungsteinzeitliche Siedlung an den Abhängen der Südspitze aus und fanden dort Wohngruben und Feuersteinreste.

Am Nordende wurden slawische Funde gemacht. Das bewies, daß die Insel schon seit vorgeschichtlicher Zeit bewohnt war. Die Ausgrabungen und die landschaftliche Schönheit veranlaßten bedeutende Wissenschaftler zu der Forderung, die Insel zum geschützten Gebiet, zu einer „reservation nationale“ zu erklären. Aber erst 1936 kam es dazu. Pichelswerder wurde Naturschutzgebiet und steht noch heute unter Landschaftsschutz.

Durch den Bau der Heerstraße, beinahe 30 Jahre zuvor, hatte sich das landschaftliche Bild Pichelswerders grundlegend geändert. Der Inselcharakter war durch den Bau der Stößenseebrücke und der Freybrücke und durch den langwierigen und kostspieligen Dammbau zwischen Pichelswerder und Pichelsberg verlorengegangen. Die einstige Insel wurde dadurch verkehrsmäßig erschlossen und dem Ausflugsgebiet des Grunewalds eingegliedert. 1929 kam die Idee auf, den Zoologischen Garten aus der Enge des Berliner Westens herauszulösen und nach der Nordseite von Pichelswerder zu verlegen. Die Zoodirektion lehnte aber den Vorschlag rundweg ab. Sie befürchtete nicht zu Unrecht einen starken Rückgang der Einnahmen. 1945, Ende April, wurde die Gegend um Pichelswerder, besonders aber die Brücken als letzter Fluchtweg aus dem eingeschlossenen Berlin durch etwa 5000 Hitlerjungen und wenige Soldaten noch eine Woche lang verteidigt. Durch einen verbrecherischen Befehl zu sinnlosem Kampf gezwungen, kamen .viele der Jungen um. Schließlich flog die Freybrücke in die Luft, nachdem mutige Anwohner die Sprengung noch einige Male verhindern konnten. Erst 1951 war die Brücke wieder völlig erneuert. Heute ist Pichelswerder ein Sommerparadies für Bootsfahrer, Angler und Erholungsuchende aller Art. So erfüllt die ehemalige Insel eine wichtige Aufgabe zum Nutzen der Bewohner einer größeren Insel, zum Nutzen Westberlins und seiner Einwohner.


Chronik von Ort und Kirchengemeinde Pichelsdorf (1971)
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