Alt-Pichelsdorf

Hier haben wir es mit einer Straße zu tun, deren Lage zugleich die Ausdehnung des alten Fischerdorfes markiert. Jahrhundertelang war der Spandauer Ortsteil Pichelsdorf eine unbedeutende Fischersiedlung zwischen Havel und Grimnitzsee. Daran erinnern noch heute einige alte Häuser in der Straße Alt-Pichelsdorf und am Mahnkopfweg, der den Namen einer alteingesessenen Fischerfamilie trägt.

Schon 1375 wurde Pichelsdorf urkundlich erwähnt. „Pigelstorpp“ lautet eine der älteren Schreibweisen des Ortsnamens. Diese Bezeichnung hat sich seitdem beinahe wörtlich erhalten. Sie scheint auf ein altes Wort für „Berghang“ = „Pickel“ zurückzugehen und hat mit dem berlinischen „picheln = „trinken“ nichts zu tun. Die heute noch vorhandenen Erhebungen auf Pichelswerder zeugen vom Ursprung der alten Namensgebung. Das Dorf gehörte ehemals zum Schloß in Spandau. Der Schulze hatte als einziger größeren Ackerbesitz, die anderen Pichelsdorfer hielten neben der Fischerei etwas Vieh. Ihre Steuern gaben sie in Form von Fischzoll und Weidezins. Das Vieh trieben sie auf die Wiesen der ehemaligen Börnicker Lake, dem heutigen Südparksee, und hinüber zur Insel Pichelswerder. Damals gab es natürlich noch keine Brücken über die Havel. Aber die Pichelsdorfer wußten sich zu helfen. Sie gewöhnten ihren Kühen an, täglich die Havel zu durchschwimmen, was die braven Tiere wegen der fetten Wiesen auch taten. Ein Chronist will in dieser Absonderung die Ursache dafür erkannt haben, daß die Kühe der Fischer bis hin zum 19. Jahrhundert von allen Viehseuchen verschont blieben.

Bis 1800 lebten die etwa 100 Pichelsdorfer, abgesehen von einigen Kriegs- und Manöverereignissen, ziemlich unbehelligt abseits der großen Verkehrswege. Ihr Schulze, seit dem 18. Jahrhundert ein verdienter Beamter, ein Hofrat oder Oberbuchhalter, ließ sich nicht häufig sehen. Das Lehnschulzengut verwaltete ein „Meier“. Gelegentlich beteiligten sich die 15 Fischer an der staatlich verpachteten „Plötz-Jagd“ im Frühjahr, die sich über die weiten und damals noch stillen Havelflächen bis hinunter nach Sakrow erstreckte. Im Winter gehörte es zu ihren Pflichten, die Festungsgräben Spandaus eisfrei zu halten und die „staatliche“ Schwanenzucht auf der Havel versorgen. Sie mußten einmal jährlich die Schwäne zusammentreiben und „pflücken“, also eines Teils der Federpracht berauben. Die Schwanendaunen kamen in die königliche Hofkammer zum Füllen der königlichen Kissen und Betten. Um 1800 sollte sich das beschauliche Leben der Fischer ändern. Von der Insel Pichelswerder klang der Arbeitslärm der „Königlichen Nutzholzniederlage“ herüber, Flöße trieben über die Havel, und etwas abseits vom Dorf verarbeitete eine Schneidemühle die märkischen Kiefern zu Brettern und Balken. Etwa zu gleicher Zeit lernten die Berliner die Schönheit der Havelufer zu schätzen. So mancher Spaziergang über die Insel Pichelswerder endete nach einer kurzen Kahnfahrt in den schnellentstandenen Gastwirtschaften von Pichelsdorf. Die ländliche Idylle wurde durch den Krieg gegen Napoleon und durch das vorübergehende Aufblühen einer ersten Industrie unterbrochen.

1813 schlugen die damals verbündeten Russen und Preußen bei Pichelsdorf eine Pontonbrücke über die Havel, weil sie die von den Franzosen besetzte Stadt Spandau auch von Süden her angreifen wollten.

Aber schon wenige Jahre danach war in Pichelsdorf wieder etwas los! Einige Studenten der Berliner Universität, die angeblich wegen Ungehorsams und mangelnden Fleißes, in Wirklichkeit aber wegen verbotener politischer Betätigung bestraft werden sollten, beschlossen, das Haus Unter den Linden zu verlassen. Mit Gesang gelangte der Zug über Charlottenburg schließlich bis nach Pichelsdorf. Hier, an der Havel, gefiel es den Studenten. Sie beschlossen zu bleiben und eine „neue“ Universität zu gründen.
Unter allerlei „Kneipereien“ wählten sie einen Rektor und einen Senat und verlegten den Sitz der „Uni“ in ein Gasthaus. Es soll der „Historische Weinkeller“ gewesen sein, ein noch heute sachkundig geführtes Haus von etwa 1786 (Alt-Pichelsdorf 32). Als die auf etwa 100 „Studenten“ angewachsene Schar die Berliner Universität um Dozentenaustausch ersuchte, wurde die Sache der Obrigkeit zu bunt. Man schickte Pedelle, die aber hier im Kreise Osthavelland nichts ausrichten konnten. Nach weiteren vier Wochen machte die Polizei dem Treiben mit Gewalt ein schnelles Ende.

Wieder vergingen Jahrzehnte der Ruhe, bis Unternehmerwagemut und Spekulationslust der Gründerzeit aus dem stillen Fischerdorf einen Berliner Industrievorort machen wollten. Den Anfang machte der vermögende Rentier Busse aus Berlin, der zwischen Pichelssee und Scharfer Lanke eine große Brauerei anlegen ließ. Das war auf dem Gebiet der jetzigen „Seehäuser“. Die Brauerei, danach Radeberger Exportbierbrauerei, versandte den kostbaren Stoff per Schiff, u.a. auch nach Berlin. An Ort und Stelle wurde in den Gartenlokalen ausgeschenkt, die sich bald großer Beliebtheit erfreuten. Die Lücke zwischen Spandau und Pichelsdorf wurde durch das Entstehen der Wilhelmstadt geschlossen. 1867 bzw. 1881 wurde die Pichelsdorfer Straße gepflastert. 1877 verkehrte auf kurze Zeit der erste Pferdeomnibus zwischen der Altstadt und der Pichelsdorfer Vorstadt. 1894 kam die Pferdebahn („rote Linie“ — sie hatte rote Schilder und Lampen zur Kennzeichnung) und zuletzt die Elektrische (1905 alle 7 Minuten für 10 Pfennig).

Die verkehrsmäßige Erschließung gab weiteren Industrieprojekten Auftrieb. 1882 wurden die Anfang 1971 abgerissenen. Gebäude einer Porzellanfabrik (später Haldenwanger) von Charlottenburg nach Pichelsdorf verlegt, und neben der Brauerei tat sich eine Krangesellschaft auf, die auch eine kleine Schleppdampferflotte besaß. Man plante sogar, den Grimnitzsee in einen modernen Hafen umzubauen und das westliche Havelufer bis hinunter nach Kladow industriell zu nutzen. Zuerst einmal begradigte man die Havel und kanalisierte das Gemünde. Leider wurde dadurch der Pichelsdorfer „Mummenstecher“ arbeitslos, der bisher .gegen ein gutes Trinkgeld die Untiefen der Havel durch Kieferäste ausgesteckt hatte.

Zur Freude aller Wassersportler, die sich etwa ab 1900 in und um Pichelsdorf niedergelassen hatten, wurde einige Jahre nach der Jahrhundertwende in der ganzen Gegend nur die landhausmäßige Bebauung zugelassen und die Anlage von weiteren Fabriken verboten.

1908 rückte der Bau der Heerstraße von Osten bis nach Pichelsdorf vor. Beim Bau der Freybrücke mußten einige alte Fischerhäuser abgerissen werden. Am Grimnitzsee wurden Sandmassen aufgeschüttet. Die Gemeinde beteiligte sich mit einer Geldsumme, wie andere Anlieger auch, am Bau der Militär- und Prachtstraße, die das Dorf mit Charlottenburg und Berlin verband. Ganz folgerichtig kam Pichelsdorf 1920 mit seinen 400 Einwohnern und 123 ha Fläche als Teil des Bezirks 8 (Spandau) in das neue Groß-Berlin.


Chronik von Ort und Kirchengemeinde Pichelsdorf (1971)
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