Predigt am 28.9.2008 (Pfarrer Seeger)
Liebe Gemeinde,
Am heutigen Sonntag ist in den biblischen Lesungen viel von einer zweiten Chance die Rede. Menschen, die sich misstraut haben, die sich gehasst und verfolgt haben, die Gottes Wort missachteten, die anderen Göttern nachgelaufen sind, erhalten eine neue Lebens-Chance. Deshalb heißt es zum Beispiel in unserer heutigen Epistel: „Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus“.
Im Markus-Evangelium wird berichtet dass Jesus einen Gelähmten mit genau diesen Worten der „zweiten Chance“ heilt: “Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“
Und auch in unserem Bibelwort zur Predigt an diesem Sonntag geht es um die zweite Chance, die durch die Vergebung möglich wird. So heißt es im 2. Buch Mose im 34. Kapitel in den Versen 4-10:
4 Und Mose hieb zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, und stand am Morgen früh auf und stieg auf den Berg Sinai, wie ihm der HERR geboten hatte, und nahm die zwei steinernen Tafeln in seine Hand.
5 Da kam der HERR hernieder in einer Wolke, und Mose trat zu ihm und rief den Namen des HERRN an.
6 Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue,
7 der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft läßt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!
8 Und Mose neigte sich eilends zur Erde und betete an
9 und sprach: Hab ich, HERR, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der Herr in unserer Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk; und vergib uns unsere Missetat und Sünde und laß uns dein Erbbesitz sein.
10 Und der HERR sprach: Siehe, ich will einen Bund schließen: Vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun, wie sie nicht geschehen sind in allen Landen und unter allen Völkern, und das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, soll des HERRN Werk sehen; denn wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde.
Liebe Gemeinde, ist das nicht wunderbar, was uns da als gute Nachricht von Gott zu Ohren kommt? Gott vergibt uns und wir können neu anfangen! Gebote missachtet, Gesetz gebrochen, Tafeln kaputt. Doch Mose hat die Traute, neue Steintafeln rauszuhauen und zu Gott zu gehen. „Mach’s noch einmal Gott! Gib uns die 10 Gebote noch mal und wir fangen noch einmal neu mit dir an und wollen an dich glauben!“
Welch ein Signal auch für unser Leben, egal wie verkorkst und verquer es bisher auch war: Da geht noch was, das bleibt nicht so, wenn uns einer sagt: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Und der das sagt, ist Jesus selber, also die höchste Autorität, in der sich Gott uns Menschen zuwendet.
Doch bleiben wir vorerst noch beim Wort zur Predigt aus dem Alten Testament. Auch da heißt es: „Gott ist barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue. Er bewahrt Tausenden Gnade und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde.“
Wer ist darüber nicht froh und glücklich, wenn er solche Wesenseigenschaften von Gott mitgeteilt kriegt? Doch halt, da kommt noch etwas Sand ins Getriebe, wenn wir weiterlesen: „Aber ungestraft läßt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!“ Alle schönen Worte über Gottes Vergebung scheinen mit diesem Satz zunichtegemacht. Erst Zuckerbrot und dann doch noch Peitsche? Das muss man erst einmal verkraften.
Ich habe lange nachgedacht über dieses harte Wort an dieser Stelle und bin zu dem Schluss gekommen, dass damit unmöglich gemeint sein kann, dass Kinder oder weitere Nachkommen für die Sünden der Vorfahren bestraft werden, denn für die eigene Sünde muss jeder Mensch doch selber geradestehen. Und doch gibt es Folgeerscheinungen der Sünden unserer Vorfahren, die wir zum Teil mittragen müssen. Ein kurzes Beispiel aus meiner eigenen Lebensgeschichte:
Mein Großvater war kein Freund der Nazis und hat meine Mutter und ihren Bruder einfach nicht bei der Hitlerjugend angemeldet, obwohl das damals Pflicht war. So wurden die beiden Kinder in die „Zwangs-HJ“ eingegliedert und immer von zwei extra abgestellten Führern zur Ausbildung von zu Hause abgeholt.
Ich könnte also durchaus stolz auf meinen Opa sein, der den Nazis nicht gehorchte, wenn da nicht ein junger Mann gekommen wäre, der meiner Mutter imponierte und in den sie sich verliebt hätte. Und dieser junge Mann – mein Vater also – war nun ausgerechnet ein SS-Mann. So bin ich der Enkel eines Gegners der Nazis, aber zugleich auch Sohn eines SS-Mannes. Ich bin weder für das eine noch für das andere verantwortlich. Helmut Kohl nannte das einmal die „Gnade der späten Geburt“. Und dennoch: Wenn ich heute im Ausland Vorbehalte und Ressentiments Deutschen gegenüber spüre, dann sollte ich mich doch nicht wundern. Ich kann es einem Juden z.B. nicht verdenken, dass er beim Kontakt mit Deutschen in schlimmer Weise daran erinnert wird, wie vor 70 Jahren seine Eltern oder Großeltern von deutschen Nazis geschlagen, gefoltert oder vergast wurden. Und auch die Nachbarländer Deutschlands haben Fürchterliches erlitten durch unsere Vorfahren. Wie gesagt: Ich selber kann dafür nichts, aber ich trage diese Last der Erinnerung mit, weil offenbar eine Generation allein dazu gar nicht ausreicht, die Missetat der Väter zu vergeben.
Wir neigen sehr schnell dazu, hierin eine Ungerechtigkeit zu wittern und zu protestieren, aber ich glaube, dass wir es im Gegenteil mit einer Gnaden- und nicht mit einer Unheilsordnung zu tun haben. Wir spüren die Folgen des Unrechts über Generationen hinweg, aber selbst dafür ist uns von Gott her Vergebung zugesagt, nur dauert das offenbar etwas länger: Bis ins dritte und vierte Glied.
„In 50 Jahren ist alles vorbei“, sang der Kabarettist Otto Reuter einstmals. Gottes Mühlen mahlen langsam, aber beständig, und so wird es vielleicht nochmals 50 Jahre dauern, bis alles vergeben ist. Aber vergessen? Das sollte man nie, damit es nie wieder dazu kommt, dass solch großes Unrecht geschieht.
Ich empfinde auch, dass Gott uns mit dieser Generationenlast vor der Überheblichkeit schützt, die so gerne darauf hinweist, dass Deutschland das Land der Dichter und Denker ist, aber verschweigt, dass wir auch meisterhafte Richter und Henker hatten. Der in Rumänien aufgewachsene deutsche Dichter Paul Celan fasste seine Erlebnisse im Ghetto und in Zwangsarbeitslagern in dem bitteren Satz zusammen: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. „Bis ins dritte und vierte Glied“ – dieser Hinweis schützt uns auch vor der Überheblichkeit, zu denken: „Ich bin eben besser als mein Vater und als meine Mutter!“
Nein, ich bin genauso ein Sünder wie es auch meine Eltern und Vorfahren waren. Die Sünde ist uns eingepflanzt seit Adam und Eva. Doch es gibt einen, der diese ewige Abfolge von Schuld und Sühne beenden kann, es gibt diesen Gott, der sich an die Arbeit macht und aufräumt in unserem Leben, über Generationen hinweg und durch die Jahre hindurch, die ich auf dieser Erde bin. Und ich bin so dankbar dafür, dass ich dieses Wort von Jesus hören darf: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.
Ich spüre in diesem Wort aus dem Neuen Testament ganz viel göttliche Liebe, genauso wie in der Mosegeschichte mit der zweiten Chance. Der mittelalterliche Bußprediger Girolamo Savonarola, den man durchaus als Vorläufer der Reformation ansehen kann, sagte einmal in einer Adventspredigt: So wie die Zweige, die Blüten, die Blätter und die Früchte von den Wurzeln des Baumes abhängig sind…so ist in der himmlischen Liebe grundsätzlich und wirklich jedes Gesetz enthalten, und wer diese Liebe hat, kann leicht jedes Gesetz erfüllen.“
Von der himmlischen Liebe hängt also alles ab. Diese Liebe Gottes ist es, die mich immer wieder aufsucht und dazu antreibt, Vertrauen zu schöpfen, den Neuanfang mit Gott für möglich zu halten und ihn zu wollen!
Doch halt: das reicht nicht. Ich kann keinen Sonderfrieden mit Gott machen oder mich darüber freuen, dass mir Gott vergibt, wenn ich gleichzeitig noch mit dem Menschen neben mir in Unfrieden lebe. Die Gnade, die mir von Gott in seiner Vergebung zuteil wurde, verpflichtet mich, auch meinen Mitmenschen die Möglichkeit zum Neuanfang einzuräumen. Wie versteinert sind gerade da unsere Herzen oft! Möge unser Gott immer wieder diese Versteinerung verwandeln in lebendige und erwärmende Zuwendung anderen Menschen gegenüber. Wenn möglich schon hier und heute, aber spätestens in dieser Woche, Amen.